Individualisierung ist einer der großen Trends: Sportschuhe lassen sich mit einem einzigartigen Look versehen, das Müsli über das Internet auf die persönlichen Wünsche anpassen und die Listen der Zusatzfeatures beim Autokauf umfassen meist mehrere Seiten. Dank Mass Customization lassen sich schon heute wirtschaftlich Losgrößen von Eins darstellen.

Bildung hingegen ist einer der wenigen Bereiche, bei der das Thema Individualisierung noch in den Kinderschuhen steckt. Egal ob Grundschule, Universität oder Weiterbildung: In der Regel gibt es für eine Gruppe von Lernenden ein und denselben Lernstoff. Dabei ist kaum etwas individueller als das eigene Lernen. Die Folge: Für die einen wird der Unterrichtsstoff zu schnell vermittelt, für die anderen zu langsam, dritte bräuchten andere Materialien und vierte andere Vermittlungsformen.  In der Pädagogik spricht man hier von der Binnendifferenzierung, also dem Eingehen auf die speziellen Bedürfnisse des Einzelnen. Das funktioniert auch sehr gut bei 1 zu 1 Situationen – ein Lehrer und ein Schüler.

So  wünschenswert aus Lerner- und Lehrersicht wäre: Es lässt sich wirtschaftlich bislang kaum darzustellen.  Entstanden aus dem Humboltschen Ansatz einer Bildung für alle, hat sich das Lernen in der Gruppen über eine lange Zeit durchgesetzt. Eine starke Individualisierung – gerade im Schulbereich – findet vor allem außerhalb statt: Geschätzte 900  Mio. EUR ist der Markt für Nachhilfeunterricht in Deutschland groß (Quelle: Bertelsmann-Stiftung). Die unzähligen Stunden, die Eltern ihren Kindern individuell helfen, sind dabei noch außen vorgelassen.

Doch die Digitalisierung verspricht hier neue Wege – zumindest bietet sie dafür viel Potential. New Classrooms ist ein Projekt in New York. Dank Einsatz digitaler Techniken wird das Lernen hier deutlicher individueller gestaltet, wobei Lehrer dabei nicht überflüssig wird. Ganz im Gegenteil: Sie können sich viel individueller um den Einzelnen kümmern:

Ein anderer Ansatz ist der des Flipped Classroom: Lernende haben hier die Aufgabe, sich am Vortrag mit bestimmten Lernvideos aus dem Netz zu beschäftigen. Plattformen wie YouTube, TED, Khan Academy oder GedankenTanken bieten hier im beruflichen Umfeld spannend aufbereitete Themen. Die Folge: Im Unterricht müssen keine Grundlagen vermittelt werden, sondern kann speziell an Aufgaben gearbeitet werden und der Lehrende kann hier vermehrt als Begleiter des Lernens auftreten.

Komplett digitalisiert ist der Ansatz von Knewton : Dieses Online-Plattform verspricht ein höchst individuelles Lernen auf Basis ausgefeilter Algorithmen und Smart Data Analysen. Damit Lerner aber wirklich höchst individuelle und nur für Sie maßgeschneiderte Angebote bekommen, müssen Lernen vor allem viele Daten von sich über ihr Lernen Preis geben.  Dank einem Risikokapital von 100 Millionen Dollar hat Knewton sich auf die Optimierung des Lernens über Daten spezialisiert. Der Gründer, Jose Ferreira, erläutert zum Ansatz des Smart Data:

„Google bekommt zehn Datenpunkte pro Suche – wir bekommen einhunderttausendmal mehr Daten pro Nutzer“ (Dräger/Müller-Eiselt, Die Digitale Bildungsrevolution, 2015, S.26).

Im Lernbereich bedeutet die Individualisierung, dass dies umso besser funktioniert, je mehr über den Lerner bekannt ist. Hat der Nutzer Probleme bei der Anwendung des Genitivs, kann er die zweite Ableitung einer Funktion richtig berechnen, versteht er komplexe Aufgaben zu lösen.

Das Datensammeln hat dabei immer zwei Seiten: Je mehr Preis gegeben wird, desto besser das Ergebnis. Das ist der Ansatz von Google, der auf Basis riesiger Datenmengen immer bessere Suchergebnisse liefert. Im Lernen wird die künftige Diskussion stark über die eigene digitale Souveränität geführt werden: Wer kann die Daten sehen? Können auch Dritte (z. B. Lehrer, Universitäten oder Unternehmen) darauf zugreifen? Kann ich meine Daten selber einsehen und den Mechanismus der Empfehlung dahinter verstehen?

Wie stehen Sie dazu: Daten geben und dafür ein hochgradig personalisiertes Lernen bekommen? Ich freue mich auf Ihre Beiträge und Meinungen dazu!

About the author

Carsten Rhinow(http://www.adgonline.de) - Mein Name ist Carsten Rhinow und ich bin bei der Akademie Deutscher Genossenschaften als Spezialist für Digitale Medien & Lerninnovationen tätig. Ich beschäftige mich intensiv mit der Frage, wie das Lernen/Lehren, die Personal- und die Organisationsentwicklung in Zukunft stattfinden wird. Neben den neuen technischen Möglichkeiten in diesen Bereichen interessiert mich vor allem die Frage, wie Organisationen so agil gestaltet werden können, dass diese sich mit allen Mitarbeitern flexibel an eine sehr dynamische und komplexe Umwelt anpassen zu können.

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