Herbst 2011: Der Stanford-Professor und damaliger Leiter der Google-X-Labs, Sebastian Thrun, hält seine Vorlesung zu künstlicher Intelligenz. Doch anstelle die Vorlesungen rein auf dem Campus der Elite-Uni abzuhalten, wird diese komplett im Internet übertragen. Diese Möglichkeit macht schnell weltweit die Runde: An manchen Tagen melden sich 5.000 Teilnehmer zu diesem MOOC (Massive Open Online Course) an.  Die Aufnahmebedingung: keine! Egal, ob Abitur oder nicht. Egal, ob über oder unter 18? Egal aus welchem Land: Alle dürfen den Online-Kurs mitmachen!

Bei 160.000 Anmeldungen stoppt die Standford-Uni die Anmeldemöglichkeit. Den MOOC werden am Ende 23.000 Teilnehmer erfolgreich beenden. Der beste Absolvent der Stanford-Uni kommt auf Platz 413. Das bedeutet, dass es weltweit 412 Talente gibt, die besser als der beste Stanford-Absolvent sind. Sebastian Thrun ist fasziniert von der Möglichkeit, weltweit über die MOOCs unentdeckte Talente zu finden. Er gründet seine eigene Plattform Udacity (Mischung aus Audacity = Kühnheit und University = Universität). Zum Teil finanziert sich die Plattform darüber, dass Daten der besten Absolventen an interessierte Unternehmen verkauft werden.

Juni 2013: Ein 16 jähriger Niederländer namens Martijn Garritsen veröffentlicht auf der Musikplattform Beatport seinen Song Animals und landet weltweit einen Hit damit.

Besser bekannt unter seinem Künstlernamen Martin Garrix wird er in den kommenden Jahren zu einem DJ-Superstar. Auch hier steht sein Talent an erster Stelle! Weltweit suchen Plattenfirmen genau nach diesen: Sie veranstalten Remix-Contests, junge Talente erhalten die Chance bei Demo-Days sich zu zeigen. Auch wie bei den MOOCs: Was zählt, ist einzig Talent! Ob jemand einen Bachelor in Musik hat, interessiert hier niemanden.

Hier kommt zum Tragen, dass die Kosten für Musikproduktionen extrem gefallen sind. Mit einem Laptop und einer Software für wenige Hundert Euro kann jeder zum Produzenten werden! Und das gilt für 3-D-Drucker, DNA-Sequenzierung und Sensorik: All dies ist heute für einen Bruchteil der Kosten zu haben, die sie noch vor Jahren gekostet haben. Einen 3-D-Drucker bekommen Sie heute für 1.000 Dollar, 2007 hat er noch 40.000 Dollar gekostet.

Sie haben ein IT Problem zu lösen? Dann kann Ihnen die Plattform Stackoverflow weiter helfen. Hier sind fast 5 Millionen Programmierer registriert und jeder kann sein Problem, vor allem aber auch die Lösung dazu einstellen. Die besten bekommen Auszeichnungen in Form von Stati wie Gold, Silber oder Bronze und nicht selten winkt ein Arbeitsvertrag bei einem IT-Unternehmen? Auch hier zählt rein das Talent. Und viele Unternehmer nutzen das gerne als Talent-Pool für sich.

Angesichts der hohen Geschwindigkeit angesichts der Digitalisierung werden daher formelle Abschlüsse wie ein Bachelor oder Master tendenziell unwichtiger. Google zum Beispiel hat über Big Data Analysen herausgefunden, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Renommee einer Universität, der Abschlussnote und der späteren Karriere gibt. Die Konsequenz:

„Google stellt mehr und mehr Mitarbeiter ohne akademischen Abschluss ein: in einigen Teams hat immerhin jeder Siebte nie eine Hochschule besucht“ (Dräger/Müller-Eiselt: Die Digitale Bildungsrevolution, 2015; Seite 123).

Nach einer Umfrage von Staufenbiel spielt  in deutschen Unternehmen bei Bewerbungen die Examensnote nur in 52 % der Fälle eine ausschlaggebende Rolle.  Wichtiger sind hier die Studienschwerpunkte, vor allem aber auch die Zusatzqualifikationen wie Englischkenntnisse, Praktika und Berufserfahrung (Staufenbiel: Jobtrends 2015)

Dabei ist der gesamte Bewerbungsprozess von einer hohen Ineffizienz gekennzeichnet:

bewerbungsprozess

Quelle: Staufenbiel: Jobtrends 2015

Gerade mal 2 % der Bewerbungen führten zu einem Arbeitsverhältnis im Endeffekt. Auch dies ist sicher einer der Gründe, dass zum einem Stellen vermehrt über Netzwerke vergeben werden, aber auch Plattformen wie XING oder LinkedIn an Bedeutung für das Recruiting der Zukunft gewinnen.

Ein weiterer wichtiger Schritt wird sein, dass vor allem auch die informellen Kompetenzen, also Erfahrungen aus Projekten und Jobs, Kenntnisse zu bestimmten Themen, etc, sichtbarer gemacht werden. Plattformen wie Degreed wollen genau das leisten: Eine Begleitung des lebenslangen Lernprozess mit all ihren Facetten des Lernens. Und wer privat ein gutes Business-Buch gelesen hat oder sich online einen Kurs zu den Basics von HTML besucht hat, kann das dort festhalten.

Wie finden Sie neue Talente intern und extern bei sich im Unternehmen? Welche Kriterien sind Ihnen wichtig bei Neueinstellungen? Wie sehen Sie den Wert formaler Bildungsabschlüsse in der Zukunft?

About the author

Carsten Rhinow(http://www.adgonline.de) - Mein Name ist Carsten Rhinow und ich bin bei der Akademie Deutscher Genossenschaften als Spezialist für Digitale Medien & Lerninnovationen tätig. Ich beschäftige mich intensiv mit der Frage, wie das Lernen/Lehren, die Personal- und die Organisationsentwicklung in Zukunft stattfinden wird. Neben den neuen technischen Möglichkeiten in diesen Bereichen interessiert mich vor allem die Frage, wie Organisationen so agil gestaltet werden können, dass diese sich mit allen Mitarbeitern flexibel an eine sehr dynamische und komplexe Umwelt anpassen zu können.

Similar Posts

Leave a reply

required*