In der vergangenen Woche hatte ich das Privileg eine Learning Journey als Mentor begleiten zu dürfen. 10 Vertreter von Primärbanken haben sich im Rahmen dieses Programmes auf die Reise nach Berlin gemacht, um die die Kultur und Arbeitsweise von FinTecs und StartUps live erleben und ergründen zu können.

Im Zentrum des dritten Tages der Reise stand der Besuch des größten StartUp-Campus in Deutschland  der Factory in Berlin. Bei der Factory handelt es sich um ein 20.000 qm-großes StartUp-Ökosystem in  dem den Gründern eine komplette Arbeitsinfrastruktur, wie Büroflächen, Postservice, Rechts-,  Steuerberatung und Investorenkontakte zur Verfügung gestellt wird, damit diese sich ausschließlich auf  Ihre Projekte konzentrieren können.

Bereits beim Ankommen in der Factory wird klar….hier ist einiges  anders. So wird man sofort gedutzt, ob man will oder nicht, und alles ist hipp und gechillt, wie man so  schön neudeutsch sagt. Wir gehen durch den Coworking-Bereich der Factory. In diesem Bereich  arbeiten junge StarUps in einem offenen Bereich mit bereits etablierten Unternehmen wie Twitter und  SoundCloud zusammen. Hauptziele sind dabei, die interdisziplinäre Vernetzung und das gemeinsame  profitieren von den jeweiligen Expertisen. Dieser Ansatz erinnert mich sehr stark an Bekanntes: Was  einer nicht schafft das schaffen viele!

© Factory Berlin - Campus

© Factory Berlin – Campus

Der erste Termin des Tages ist mit Marc Lampe, einem der Gründer der Merisier GmbH und findet in dem Büro des StartUps statt. Die Räume im Erdgeschoss beherbergen eine Küche, improvisierte Schreibtische, einen Schneidetisch und ein kleines Lager.  Ab und an huscht ein Mitarbeiter aus den Büros im ersten Stock vorbei. Marc berichtet von der klaren Vision des Unternehmen: Einfach schöner schenken! Bei Merisier findet man  hochwertige Geschenkkreationen mit einzigartigen Produkten, liebevoll verpackt, mit eigener Geschichte die direkt an die Empfänger versandt werden. Die Bestellung der Geschenkboxen erfolgt hauptsächlich online über den firmeneigenen Onlineshop. Ziel ist  es über die Wertigkeit der Präsente die Beziehung zwischen dem Schenker und dem Beschenkten positiv zu beeinflussen. Ein bemerkenswerter Ansatz für Firmen, um dadurch die Kundenloyalität weiter zu erhöhen. Es ist also nicht verwunderlich, dass Anbieter wie Audi und Lufthansa diesen Service bereits intensiv nutzen.

In unserem Zweiten Treffen mit einem StartUp treffen wir den Gründer von unumotors Pascal Blum und dessen Finanzchef Jonas Huth. Beide sind Mitte zwanzig.  Zu Beginn unseres Gesprächs berichtet Patric von der Vision des Unternehmens:

„Wir glauben an Städte in denen alle Menschen die Möglichkeit haben das volle Potential ihrer Stadt auszuschöpfen. Wir haben uns verschrieben, die Mobilitätslösung zu schaffen, die die Menschen völlig mit ihrer Stadt verbindet.“

Eine starke Vision und jetzt wird mir es erst klar, um welches Produkt es hier geht….um Elektroroller. Die Idee, den Markt für Elektromobilität in Europa mit einem günstigen E-Roller in Bewegung zu bringen, kam den Unu-Machern in Asien, wo es schon lange Elektroroller gibt. Die beiden Münchner Schulfreunde trafen sich dort nach dem Studium zufällig wieder und gründeten auf der Basis eines chinesischen E-Rollers ein Startup-Unternehmen, das inzwischen auch über finanzielle Unterstützung aus dem Silicon Valley verfügt.

© unumotors

© unumotors

Das Konzept eines ganz und gar einfach gehaltenen, elektrisch angetriebenen Fahrzeugs auf zwei Rädern ist bestechend: Mit 58 Kilo ist der Unu wesentlich leichter als ein Benzinroller, er benötigt weder Kraftstoff, Öl, noch regelmäßige Wartung. Der unter dem Sitz befindliche Akku wiegt nur acht Kilo, er lässt sich einfach herausnehmen, mit einem Tragegurt schultern und in fünf bis sechs Stunden, zum Beispiel über Nacht, zu Hause aufladen. Oder überall sonst, wo sich eine Steckdose findet und die Erlaubnis, mal eben den Akku dran zu stöpseln. Die Energie, die der Akku aus dem Stromnetz zieht, ist zu verschmerzen: Laut Hersteller werden pro Ladung 1,4 Kilowattstunden benötigt, das entspricht bei den aktuellen Durchschnitts-Strompreisen etwa 40 Cent. Die Tagesreichweite wird mit 50 Kilometer angegeben, also ausreichend für die Stadt. In der Tat eine sehr nachhaltiges Produkt.

Der Einstiegspreis von 1699 Euro ist, verglichen mit den Preisen für andere in Deutschland erhältliche E-Scooter, beinahe ein Schnäppchen. Er kommt durch ein neues Geschäftsmodell zustande: Direktbestellung im Internet, Produktion on demand, keine Lagerhaltung, keine Händler-Margen. Das Startup hat starke Partner:  So arbeiten sie im Batteriebereich mit Panasonic und beim Service mit den deutschlandweiten Bosch Service Werkstätten zusammen. Bereits heute hat das Unternehmen über 1.000 Stück seines Rollers in Deutschland verkauft und möchte nun den nächsten Schritt in die Internationalisierung gehen.

Jonas berichtet von dem Finanzierungsbedarf für den nächsten Schritt der Skalierung des Geschäftsmodells und seinen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Banken. Gerne würde das StartUp im Bereich Zahlungsabwicklung enger mit Banken zusammenarbeiten, sieht die von Banken angebotene Software und Schnittstellen aber als veraltet und schwer integrierbar an und wünscht sich hier mehr innovative Ansätze. Jonas spricht klar, fokussiert und macht einen sehr kompetenten Eindruck. Er ist 25 Jahre alt und Teil eines Unternehmens, das bereits weit gekommen ist, wohl wissend das 90% der StartUps langfristig nicht erfolgreich sind. Bei dem Vortrag ertappe ich mich bei dem Gedanken: Würde ich unumotors finanzieren, wenn Pascal und Jonas  in der Bank in Jeans und T-Shirt vor mir sitzen würde….ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.

Ich habe um die Jahrtausendwende selbst Erfahrungen  mit einer Unternehmensgründung im Internet gesammelt, aber der Tag in der Factory hat mir gezeigt: die Dynamik und Geschwindigkeit ist heute eine ganz andere. Die heutigen Gründer haben die klare Vision die Welt mit Ihren Produkten verändern zu wollen…dafür arbeiten sie hart und selbstbestimmt.  Den Kundennutzen stellen sie in den Mittelpunkt Ihrer Aktivitäten, um durch das tiefe Kundenverständnis einfache, einmalige Produkte und Dienstleistungen erschaffen zu können. Sie nennen das einfach Customer Insights.

Was nehme ich also als Kernerkenntnisse mit und was können etablierte Unternehmen von den Gründern lernen:

  • Die wirkliche Dynamik dieser Unternehmen ist nur zu begreifen wenn man diese persönlich kennen lernt und  sich auch auf diese einlässt.
  • Der intensive Austausch mit Gründern führt zu hohen Lerneffekten und beide Seiten können von Kooperationen  profitieren.
  • Die absolute Kundenzentrierung führt zu neuen Produkten und Dienstleistungen und zu einmaligen Kundenerlebnissen.
  • Eine starke und leicht zu verstehende Vision ist ein exzellenter Motor zur Motivation. Innovation und Inspiration kommen aber nicht in den eigenen vier Wänden, sondern man muss rausgehen zu seinen Kunden und zu inspirierenden Plätzen wie eben die Factory in Berlin.
  • Scheitern wird nicht als Makel verstanden, sondern als Ermöglichungsraum zum Lernen und zur persönlichen Weiterentwicklung.
  • Es braucht Mut Dinge zu verändern, und wir haben selbst oft mehr Einflussmöglichkeiten als wir denken.

Eine gewisse Gründermentalität und StartUp-Kultur scheint in jedem etablieren Unternehmen sinnvoll, um den Veränderungen der Zukunft gut begegnen zu können und das viel beschworene Unternehmertum im Unternehmen  erreichen zu können. Wann sprechen Sie das nächste mal mit einem Gründer?

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Martin Greff -

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