Manchmal ist die Welt erfreulich einfach. Der unendliche Strom an Informationen reduziert sich in diesen besonderen Momenten auf zwei Möglichkeiten. Egal, wie lange man diskutiert und analysiert, am Ende heißt die Entscheidung rechts oder links, schwarz oder weiß, hü oder hott, schwanger oder nicht schwanger. So einfach ist das. In der Realität wird diese Erkenntnis bisweilen auf eine harte Probe gestellt. Die Variante „Halbschwanger“ übt offenbar eine große Anziehungskraft auf uns Menschen aus.

Mittendrin und nicht dabei

Mein letztes halbschwangeres Erlebnis hatte ich, als ich für meine Tochter ein Sparkonto eröffnen wollte. Trotz aller Digitalisierung hatten meine Frau und ich beschlossen, dass unser Nachwuchs beim Thema „Geld“ zunächst klassisch analog aufwachsen soll. Das klingt pädagogisch wertvoll, ist aber, so ganz unter uns, schlicht dem Sparschwein der Großeltern geschuldet, das ab und zu geleert werden muss. An einem Donnerstag um 13.17 Uhr, mitten zur besten Sendezeit, ging ich gemeinsam mit meiner Tochter zur Bank. Und da standen wir nun, ausgerüstet mit einer leuchtend bunten Spardose, vor einem Schild, auf dem stand: Donnerstag: 09:00 – 13.00, 14.00 – 17.30 Uhr. Um uns herum tobte das Leben. Metzger, Bäcker, Apotheker, der Gemüsestand mit der netten Inhaberin, die Drogerie – alle, wirklich alle hatten um 13.17 Uhr geöffnet. Nur meine Bank, die hatte Pause. Meine erste Reaktion: Ungläubiges Staunen.

Sie müssen wissen, dass ich in einer Großstadt lebe. Um 13.17 Uhr sind Straßen und Bürgersteige voll. 13.17 Uhr ist mitten im Leben. Meine Verwunderung steigerte sich ins Unermessliche, als sah, dass die Bank meiner Wahl kein Einzelfall war. Wie abgesprochen prangte an den fünf anderen Instituten in der Nähe der Hinweis: Donnerstag: 09:00 – 13.00, 14.00 – 17.30 Uhr. Mir geht es an dieser Stelle nicht um den Sinn oder Unsinn von durchgehenden Öffnungszeiten. Ich halte nichts davon, alle Banken in Deutschland mit ihren örtlichen Besonderheiten über einen Kamm zu scheren. Was mich jedoch in dieser konkreten Situation wie ein Donnerschlag traf, war die Erkenntnis, dass diese sechs Banken im Strom der Menschen wie Fremdkörper wirkten. Sich in einem pulsierenden Umfeld nicht den Gegebenheiten vor Ort anzupassen, war was? Mutig? Kurzsichtig? Gar arrogant?

Choosing between doughnut and apple

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 Mutig und konsequent

Stellen Sie sich vor, Sie wären als Manager bei einer großen Drogeriekette für das Thema „Expansion“ verantwortlich und fänden einen neuen Standort. Wie sähe Ihre Strategie bei den Öffnungszeiten aus? Sie würden sich sicher das Umfeld anschauen, mindestens das gleiche Niveau bieten, das vor Ort üblich ist, oder es übertreffen. Aber weniger anbieten? Ganz sicher nicht. Im Handel spielt die Analyse des Umfelds bei der Auswahl und Ausgestaltung eines neuen Standorts DIE zentrale Rolle. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass ich mit meinem Geschäft nicht auf einer einsamen Insel lebe, sondern Teil des großen Ganzen bin. Ich muss für Kunden attraktiv sein. Und das Umfeld, in dem ich mich bewege, bestimmt ganz wesentlich mit, was der Kunde als attraktiv wahrnimmt. In Zeiten, in denen jedes Smartphone einen immer größer werdenden Teil der klassischen Bankdienstleistungen ersetzen kann und der Vertriebsweg „Filiale“ auf dem Prüfstand steht, ist ein echter Perspektivwechsel notwendig. Wenn wir Kundennähe und persönlichen Service ernst meinen, sollten, nein, müssen wir mit unserem Angebot mutig und konsequent sein – wie auch immer es im Detail aussehen mag. Halbschwanger funktioniert nicht mehr.

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Tobias Stier -

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