Apple ist scheinbar überall. Das Unternehmen aus Cupertino besticht mit einer Präsenz in den Medien, die gefühlt nur noch von Helene Fischer übertroffen wird. Wer eine so unglaubliche Geschichte aufweist wie die Amerikaner, bietet reichlich Stoff zur Berichterstattung. Allerdings müssen der verstorbene Steve Jobs und sein Nachfolger Tim Cook als leuchtendes Beispiel für so ziemlich alles herhalten, was erfolgreiche Unternehmer und Unternehmen (angeblich) ausmacht.

Die Erfahrung zeigt jedoch, dass sich der Erfolg eines Unternehmens oft gar nicht genau erklären lässt. Dies gilt auch für Apple. Trotzdem können wir jeden Tag Artikel lesen, die uns in wenigen Sätzen erklären, wie der Hase läuft. Entsprechend einfach und prägnant sind dann auch die Rezepte, um die Erfolgsgeheimnisse auf das eigene Unternehmen zu übertragen. Doch unter uns: Wie oft haben Sie schon erlebt, dass Dinge, die in anderen Unternehmen vorzüglich funktionierten, daheim zum „Rohrkrepierer“ wurden? Ein wesentlicher Grund für dieses Scheitern mutet zunächst seltsam an. Er heißt Komplexität. Apples Erfolg (wie der Erfolg jedes anderen Unternehmens auch) ist das Ergebnis von vielen kleinen und großen Zahnrädern, die ineinander greifen. Es reicht deshalb nicht aus, nach wenigen Schlüsselfaktoren zu suchen und diese dann zu kopieren. Doch warum versuchen wir es dann? Die Tatsache, dass Menschen gerne komplexe Sachverhalte auf leicht nachvollziehbare Faktoren reduzieren, hat einen banalen Grund: Wir können häufig nicht anders.

 

Less is More Minimal Simplicity Efficient Complexity Concept© Rawpixel – Fotolia.com

Ist weniger wirklich immer mehr?

Unser Gehirn ist ohne Frage ein Wunder der Evolution. Zugleich ist seine Fähigkeit, komplexe und nicht-automatisierte Situationen zu verarbeiten, begrenzt. In solchen Fällen greift ein „Ökonomiemodus“: Das Gehirn reduziert die vorhandenen Informationen und bildet reduktive Hypothesen. Es konzentriert sich auf wenige, aus seiner Sicht relevante Schlüsselfaktoren. Was zunächst vernünftig klingt, hat einen entscheiden Nachteil: Zusammenhänge und Wechselwirkungen werden einfach ausgeblendet. Dass dies nicht ohne Folgen bleibt, fällt zunächst nicht auf. Wir glauben, zu verstehen, und erschaffen doch nur unsere eigene Realität. Pippi Langstrumpf hat also recht. Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Doch das dicke Ende kommt bestimmt.

Dietrich Dörner, emeritierter Professor für Psychologie, schreibt dazu in seinem Buch „Die Logik des Misslingens“:

 „In komplexen, vernetzten und dynamischen Handlungssituationen macht unser Gehirn Fehler. Wir beschäftigen uns mit den ärgerlichen Knoten und sehen nicht das Netz. Wir berücksichtigen nicht, dass man in einem System nicht eine Größe allein modifizieren kann, ohne damit gleichzeitig alle anderen zu beeinflussen.“

In den Ratgeberabteilungen der Buchhandlungen finden sich zahllose Exemplare, die komplexe Sachverhalte plausibel erklären und dabei genau diesem Denkfehler unterliegen. Dies gilt für die Erfolgsgeheimnisse von Apple ebenso wie für Diät-Ratgeber. Aber auch strategische Unternehmensentscheidungen weisen gerne dieses Muster auf. So manche Fusion ist zum Beispiel schon daran gescheitert, weil die Verantwortlichen die „Fern- und Wechselwirkung“ einzelner Entscheidungen völlig unterschätzt haben. Die nachfolgende Kettenreaktion schien dann aus dem Nichts zu kommen.

Gibt es eine Patentlösung, um diesem Phänomen zu entgehen? Nein, die gibt es nicht. Helfen können, es klingt fast schon unverschämt banal, der gesunde Menschenverstand, Offenheit und die Fähigkeit zur Reflexion. Wer vergangene Entscheidungen und vor allem die daraus resultierenden Fehlentwicklungen analysiert, hat die Chance, die scheinbar unsichtbaren Zusammenhänge zu erkennen. Wer sich vor einer Entscheidung die Mühe macht, über die Folgen auf allen Ebenen nachzudenken, entdeckt unter Umständen das Netz und nicht nur die Knoten.

 

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Tobias Stier -

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