Stellen Sie einem Erwachsenen einen großen Pappkarton hin, sieht der Erwachsene vor allem einen großen Pappkarton. Ganz anders bei Kindern: Schnell wird der Karton zum Auto, Flugzeug, Zoo, Höhle, Haus, Raumschiff, Werkstatt. Mit Schere, Kleber und Stiften wird der Karton verändert. Wenn mal was nicht hält: Egal! Dann wird es eben neu gemacht.

Was hat das mit ihrem Arbeitsleben zu tun?

In einem  Interview mit dem SPIEGEL  hat der Head of Innovation and Creativity Programms bei Google, Dr. Frederik G. Pferdt, geäußert:

„Die Eigenschaften von Kindern sind denen von Innovatoren sehr ähnlich: Neugierde, alles sofort auszuprobieren zu wollen, wilde Fantasien und Träume in die Realität umzusetzen. Wir bringen diese Eigenschaften durch die richtigen Übungen zurück.“ (Der SPIEGEL, 51/2014; S. 69).“

Google hat zu diesem Zwecke in seinem Hauptquartier eine eigene Werkstatt eigerichtet: Dort stehen u. a. ein 3-D-Drucker, Laserschneider und andere Werkzeuge.

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Quelle: Businessinsider.com

Jeder bei Google kann diese Werkstatt für ich nutzen. Das Ziel: Die Distanz zwischen Idee und erstem Prototyp deutlich verkürzen.

Wo unterscheiden sich Kinder und Erwachsene noch deutlich?

Es mag simpel klingen, aber es ist der Kern jeder Innovation: Das Fragen! Kinder im Alter von 4 Jahren stellen 390 Fragen – am Tag! Je älter wir werden, desto weniger fragen wir. So zielt Schule vor allem auf das korrekte Beantworten von Fragen ab – und diese stellt der Lehrer, nicht die Schüler.

Dabei ist das richtige Fragen wesentliche Grundlage für jede Innovation. In seinem Buch „Die Kunst des klugen Fragens“ stellt Warren Berger als Experte für kreatives Denken und Innovation diese vor.

Dabei ist die Grundstruktur der Fragen für Innovation immer nahezu gleich!

1. Frage: „Warum?“
2. Frage:  „Was wäre , wenn …?“
3. Frage: „Wie …?“

Eine Frage war z. B.: Warum gibt es keinen Wecker, den ich nicht so einfach in den Schlummermoduls versetzen kann und so doch zu spät aufstehe. Aus dieser Frage heraus entstand Clocky:

Es sind eben jene Art von Fragen, die sich FinTechs stellen und damit die etablierten Banken angreifen. Ein Beispiel dazu:

  • Warum bin ich als Kunde auf das Wissen meines Beraters zur Kundenberatung angewiesen?
  • Was wäre, wenn wir eine Internetanwendung erstellen, mit der sich die Kunden qualitätsgesichert selber beraten?
  • Wie müsste diese Anwendung konkret aussehen?

So oder ähnlich könnte das Konzept von Vaamo, einem Selbstberatungsportal, am Anfang ausgesehen haben.

Genau diese Struktur des Fragens und Umsetzen finden sich in so populären Methoden wie dem Design Thinking. Hier geht es darum, möglichst rasch aus einer intensiven Ideenphase in eine konkrete Umsetzung-/Prototyping-Phase zu kommen.

Andere Fragen von Unternehmen und Start-Ups sind oder könnten z.B. sein: Warum bekomme ich nur Angebote von einer Bank für meine Finanzierung? Warum kann ich nicht direkt mit einem Smartphone bezahlen? Warum bekomme ich keine Beratung von anderen Kunden? Warum hat meine Bank immer zu, wenn ich Zeit habe? Warum bekomme ich keine Tipps zum besseren Umgang mit Geld? Warum kann ich nicht bestimmen, was mit meinem Geld passiert?

So wichtig Fragen für Innovationen sind, so wenig werden sie im Unternehmen gefördert.

„Wer sich in einer Konferenz zu Wort meldet und „Warum?“ fragt, riskiert, für uninformiert oder aufsässig oder vielleicht sogar  für uninformiert und aufsässig gehalten zu werden.“ (Warren Berger, Die Kunst des klugen Fragens, S. 15)

Das Fragen nimmt auch deshalb deutlich ab, weil Manager sich als Experten Ihres Faches verstehen. Dieses Expertentum und das wenige Fragen führen in Unternehmen vor allem zu einem: Immer mehr vom Gleichen. Die wirklich neuen, radikalen Ansätze entstehen ohne intensives Fragen nicht. Wer mal Kindern oder neuen branchenfremden Mitarbeitern erklärt, was er im Job eigentlich macht, wird häufig auf völlig neue und so noch nie gestellte Fragen stoßen.

Die Kunst, auch als Experte weiterhin eine kindliche Sicht sich auf Dinge zu bewahren, wird als Neotenie bezeichnet. Ein großer Befürworter davon ist der Direktor des M.I.T Media Lab, Joichi Ito, der u. a. stark an der e-Ink-Technik gearbeitet hat, die technische Basis u. a. für den e-Reader Kindle ist.

Und auch das kennen Sie sicher: Wenn man mal eine Nacht über eine Frage geschlafen hast, dann kommt wie aus dem Nichts am Morgen die Antwort. Das kreative Denken funktioniert einfach viel besser, wenn wir eher entspannt oder abgelenkt sind. Steve Jobs, der Apple-Mitgründer, hat gerne seine Meetings im Laufen abgehalten (Walk-the-Talk).

In Unternehmen findet sich dennoch häufig das Gegenteil: Beim Brainstorming sollen Manager rasch neue Lösungsansätze entwerfen und dabei im höchsten Grade kreativ sein. Doch in einer solchen Stress-Situation kennen wir Menschen in der Regel nur 2 Möglichkeiten: Angriff oder Flucht.

Unternehmen, die sich auf den Weg machen, ein Mehr an Fragen zuzulassen, sollten vor allem 3 Dinge beachten:

  • Das Fragen kostet Zeit.
  • Das richtige Fragen muss auch (wieder) gelernt werden. (vor allem sollten es Fragen sein, die auf kritische Herausforderungen des Unternehmens aufmerksam machen, ehrgeizig und ergebnisoffen sind).
  • Ehrgeizige Fragen werden vor allem von neugierigen Menschen gestellt, die ein vielfältiges Interesse auch an Themen außerhalb der Glasglocke des eigenen Unternehmens haben.

Eine lernende Organisation ist vor allem auch eine fragende Organisation. Und wie sagt ein ägyptisches Sprichwort: „Wer mehr fragt, braucht weniger zu laufen.“

Welchen Stellenwert hat das Fragen bei Ihnen im Unternehmen? Haben Sie Zeit und Muße, auch mal an ungewöhnlichen Fragestellungen zu arbeiten? Setzen Sie ggf. auch Walk-the-Talk ein?

About the author

Carsten Rhinow(http://www.adgonline.de) - Mein Name ist Carsten Rhinow und ich bin bei der Akademie Deutscher Genossenschaften als Spezialist für Digitale Medien & Lerninnovationen tätig. Ich beschäftige mich intensiv mit der Frage, wie das Lernen/Lehren, die Personal- und die Organisationsentwicklung in Zukunft stattfinden wird. Neben den neuen technischen Möglichkeiten in diesen Bereichen interessiert mich vor allem die Frage, wie Organisationen so agil gestaltet werden können, dass diese sich mit allen Mitarbeitern flexibel an eine sehr dynamische und komplexe Umwelt anpassen zu können.

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2 comments

Danke für diesen tollen Beitrag, das spricht mir aus dem Herzen. Und ein kleines Highlight ist die ungeschminkte Wahrzeit zum Thema Brainstorming. Endlich spricht das mal jemand so klar aus.

Carsten Rhinow Reply

Hallo Herr Zapf,

herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Schön, dass Ihnen der Artikel so gut gefällt. Ja, das Brainstorming ist ja das für die Kreativitätstechniken, was der Spinat beim Eisenmangel ist. Jahrelang wird daran geglaubt, dass beides sehr wirksam ist (beim Spinat war es ja lediglich ein falsch gesetztes Komma beim Eisengehalt). Die geringe Wirksamkeit vom Brainstorming wurde aber bereits 1958 von der Universität Yale angezweifelt und nachher auch in Studien aus 2012 bestätigt. Aber nach wie vor ist Brainstorming in vielen Unternehmen sehr beliebt, wenngleich die kreativen Ergebnisse daraus eher überschaubar sind. Herzliche Grüße, Carsten Rhinow

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