Es gibt diese Schlüsselmomente, in denen einem klar wird: Die Dinge haben sich geändert. Rückblickend hatte ich einen solchen Moment vor ungefähr drei Jahren, als Tante Helga mich bat, ihr W-LAN einzurichten. Wissen Sie, Tante Helga ist ein Mensch, den der Innovationsforscher Everett Rogers als „laggard“ bezeichnet hätte – ein (technischer) Nachzügler, ein Zauderer. Alles, was neu ist, wird abgelehnt und erst dann genutzt, wenn es nicht mehr anders geht. Und nun also das: W-LAN.

Mittlerweile erkenne ich meine Tante, sie wird in diesem Jahr 65, nicht mehr wieder. Sie ist längst ihren digitalen Kinderschuhen entwachsen und nutzt E-Mail, Facebook, WhatsApp, Amazon & Co, als wäre es nie anders gewesen. Mit erstaunlichen Folgen: Der Versandhändler, dem sie jahrzehntelang die Treue hielt, wurde durch mehrere Online-Shops ersetzt, die schneller und zuverlässiger liefern. Der örtliche Buchhändler, der, wie sie sagte, sie immer so unfreundlich am Telefon begrüßte, hat mittlerweile ebenso ausgedient wie der Versicherungsvertreter, der zwar nah, aber zuletzt nicht immer da war. Nachdem er mehrfach ihre Mails nicht oder nur mit großer zeitlicher Verzögerung beantwortet hatte, macht seine Arbeit nun ein deutlich schnellerer Kollege aus der Nachbarstadt.

Die Karten werden neu gemischt

Das Tempo, mit dem sich die digitale Welt einen Platz im Alltag meiner Verwandten erobert hat, erstaunt mich immer wieder. Quasi aus dem Nichts sind Laptop und Smartphone zu ihrem ständigen und selbstverständlichen Begleiter geworden. Innerhalb kürzester Zeit haben Anbieter, von denen sie vor nicht allzu langer Zeit noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt, bestehende, oft wohl vertraute Firmen ersetzt. Einfach so, auf Knopfdruck. Wenn ich nach dem Warum frage, erhalte ich meist ähnlich lautende Antworten: „Weil Firma X oder Y besser ist.“. Hinter dem Begriff „besser“ verbergen sich dann Eigenschaften wie schneller, zuverlässiger, unkomplizierter, übersichtlicher, ehrlicher oder günstiger. Um es vorweg zu nehmen: Das Geiz-ist-geil-Argument sticht hier nicht. Es gibt diesen Käufertypen, keine Frage. Tante Helga gehört definitiv nicht dazu. Sie ist in diesem Punkt eher ein Vertreter der Generation „Qualität hat ihren Preis“.

© Matthias Enter - Fotolia.com

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Die Kraft hinter der Digitalisierung

Die Schnelligkeit der Veränderung ist jedoch kein Selbstzweck. Sie ist bloß die Begleiterscheinung einer ungleich größeren Kraft, die durch die Digitalisierung ihre Dynamik in einem bisher unbekannten Tempo entfalten kann. Sie heißt Wettbewerb. Im aktuellen Magazin der Bahn las ich einen Artikel über die Gemeinde Baiersbronn. Ein 15.000 Seelen Ort, mitten im Schwarzwald gelegen, dem in der kulinarischen Welt ein Ruf wie Donnerhall vorausgeht. Drei Spitzenköche, dekoriert mit acht Michelin-Sternen, sorgen in dieser beschaulichen Ecke Deutschlands für Weltniveau. Wie ist das möglich? Der Autor gibt eine eindeutige Antwort: Wettbewerb und die Lust, immer besser zu werden. Alle Drei haben sich gegenseitig zu Höchstleistungen getrieben und so die Sterne buchstäblich vom Himmel geholt.

Wer beim Thema „Digitalisierung“ nur auf die Technik schaut, greift zu kurz. Laptop und Smartphone, Bits und Bytes sind bloß Hilfsmittel, mehr nicht. Es ist die Lust an Verbesserungen. Es ist die Freude, sich dem Wettbewerb zu stellen. Verbesserungen, das heißt in diesem Fall schneller, zuverlässiger, unkomplizierter, übersichtlicher, ehrlicher oder auch günstiger. Tante Helga hat das erkannt. Doch was bedeutet das für uns? Die Welt ist voller Menschen, die Lust darauf haben, es besser zu machen. Die Druck-, Foto-, Musik-, Reise- und Filmindustrie, den Buch- und Versandhandel haben sie schon verändert. Nun kommt die Finanzindustrie. Es liegt an uns, ob wir uns dem stellen. Es liegt an uns, ob wir mit der gleichen Freude, mit der gleichen Begeisterung bereit sind, das Bestehende zu hinterfragen. Der französischen Schriftsteller und Philosoph Voltaire schrieb vor rund 300 Jahren: Das Bessere ist der Feind des Guten. Zeigen wir unseren Kunden, dass wir es noch besser können.

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Tobias Stier -

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