Wenn es um das Lernen  geht, kommen einem zumeist die Schulzeit, Ausbildung, Universität oder Seminare in den Sinn. Sicher wird doch auch gelernt. Nur: Den Großteil dessen, was wir heute können oder wissen, haben wir nicht dort erworben. Wenn es auch keine wirklich empirischen Daten dazu gibt, wird davon ausgegangen:

  • 10 % des Lernens findet formal statt (z.B. in der Schule, über Lernprogramme oder in Seminaren)
  • 20 % des Lernen findet im Austausch mit anderen statt (z.B. Gespräche in der Teeküche, Kollegen fragen, Austausch in den Seminarpausen)
  • 70 % des Lernens findet durch eigene Erfahrung statt (z. B. bei Arbeit an Projekten, Erfahrungen im Arbeitsleben)

(Quelle: Weiterbildungsblog.de)

Dazu ein Beispiel: Das Auto-Fahren haben wir formal in der Fahrschule erlernt. Aber sicher wird kaum einer von sich behaupten, dass er nach der Fahrschule ein richtiger guter Autofahrer war. Das vorausschauende Fahren, das intuitive Erkennen von Gefahrensituationen, das automatische Zusammenspiel zwischen Gas und Kupplung – all das haben wir erst in den vielen Stunden und Kilometern nach dem Erwerb des Führerscheins durch eigene Erfahrungen erlernt.

Erfolgreiches Lernen ist also sehr eng mit intensivem Üben verbunden. Denn eines ist unserer Gehirn sicher nicht: ein Computer. Denn dieser speichert brav alles 1 zu 1, was wir eingeben.

Vielmehr verändern sich im Gehirn beim Lernen die Stärken der Verbindung zwischen den Nervenzellen. Dies geschieht aber nur sehr langsam: Wer z.B. Profi-Geiger werden möchte, hat in der Regel bis zum 20. Lebensjahr mehr als 10.000 Stunden mit Üben verbracht (vgl. Spitzer, Lernen, S. 67).

Sie mögen zwar nicht Geigen-Spieler sein, aber sicher haben Sie in Ihrem Leben schon mehr als 10.000 Stunden gelesen. Und wie gut ihr Lesen funktioniert (aber etwas anderes nicht), zeigt dieses kleine Experiment. Versuchen Sie einmal, auf der Tafel nicht das Wort zu lesen, sondern die Farbe zu benennen, auf der das jeweilige Wort gedruckt wurde.

(C) SAT1

(C) SAT1

Und auch das unterscheidet unserer Gehirn von einem Computer: Wir lernen in der Regel keine Einzelheiten auswendig. Vielmehr geht im Gehirn darum, dass aus den vielen einzelnen Eindrücken allgemeine Regel extrahiert wird.

Auch hier ein Beispiel: Sie haben sicher schon zahlreiche Äpfel in ihrem Leben gegessen. An jeden einzelnen werden Sie sich aber nicht erinnern können. Und das wäre auch sehr unsinnig, denn dann wäre Ihr Kopf voller Äpfel. Gespeichert haben Sie hingegen die allgemeinen Merkmale eines Apfels: Ist grün oder rot, eher rund an Form, schmeckt süß, wird im Herbst reif, kann zu Apfelmus verarbeite werden.

Ganz generell bedeutet dies:

„Das Lernen von einzelnen Fakten oder Ereignissen ist daher meist nicht nur notwendig, sondern auch ungünstig“ (Spitzer, Lernen, S. 76).

Das kurzfristige Auswendig-Lernen vor einer Prüfung hilft also nur, diese zu bestehen. Verstanden oder gelernt wird auf diese Weise wenig. Dazu bedarf es eine intensiven Auseinandersetzung mit dem Lernstoff und viele Übungen, damit das Gehirn die dahinter stehenden allgemeinen Regeln extrahieren und speichern kann.

 Wie lässt sich das Lernen erfolgreich gestalten?

Erstens kommt der Aufmerksamkeit eine große Bedeutung zu. Wer aufmerksam ist, der lernt einfach mehr. Anders herum gesprochen: Wer parallel auf dem Smartphone facebook-Nachrichten abruft und gleichzeitig z.B. einer Vorlesung folgen will, wird geringere Lernerfolge aufweisen.

Zum zweiten spielt die Motivation eine große Rolle:  Beim erfolgreichen Lernen schüttet das Gehirn das körpereigene Hormon Dopamin aus, was zu Glücksgefühlen führt und somit eine Belohnung für das Lernen ist. Dass es ausgeschüttet wird, bedingt allerdings, dass eine positive Erfahrung gemacht wird, die besser ist als man es selber ursprünglich erwartet hat.

Drittens spielen Emotionen eine wichtige Rolle beim Lernen.  Dabei helfen positive Emotionen für eine Verbesserung des Lernens. Findet Lernen hingegen unter Angst statt, so wird auch diese Angst mitgelernt (vgl. Spitzer, Lernen, S. 161). Auch akuter oder gar chronischer Stress verhindert das erfolgreiche Lernen.

Und zu guter Letzt: der Schlaf. Denn während der Körper ruht, ist das Gehirn in der Nacht in bestimmten Phasen (REM – Rapid Eye Movement) hochaktiv. Das Gelernte wird hier neu bewertet, wiederholt, umstrukturiert und längerfristig gespeichert. Studien zeigen, dass Schlafentzug das Lernen negativ beeinträchtigt (vgl. Spitzer, Lernen, S. 121). Umgekehrt heißt es aber auch: Ein Buch unter dem Kopfkissen wirkt – wenn Sie vorher darin gelesen haben!

Welche Rolle spielen diese Erkenntnisse in Ihrem Unternehmen beim Lernen? Welche Erfahrungen haben Sie selber gemacht, wann Ihr Lernen erfolgreich und wann es nicht erfolgreich war?

About the author

Carsten Rhinow(http://www.adgonline.de) - Mein Name ist Carsten Rhinow und ich bin bei der Akademie Deutscher Genossenschaften als Spezialist für Digitale Medien & Lerninnovationen tätig. Ich beschäftige mich intensiv mit der Frage, wie das Lernen/Lehren, die Personal- und die Organisationsentwicklung in Zukunft stattfinden wird. Neben den neuen technischen Möglichkeiten in diesen Bereichen interessiert mich vor allem die Frage, wie Organisationen so agil gestaltet werden können, dass diese sich mit allen Mitarbeitern flexibel an eine sehr dynamische und komplexe Umwelt anpassen zu können.

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2 comments

Sehr guter Artikel! Die Hirnforschung ist m.E. zwar erst am Anfang, hat aber schon einiges Wichtige herausgefunden und im Zusammenspiel mit der Psychogenese und anderen Quergebieten (z.B. NLP) können wir Heute schon anders lernen als Früher. Die Themen Aufmerksamkeit, Motivation und vor allem Emotionen sind dabei die Schlüsselfaktoren. Es gilt unser bisheriges „Lernverhalten“ zu durchbrechen und andere Methoden anzuwenden. Praktische Anwendungen hierzu zu erfahren/erleben wäre mal ein tolles Seminar.
Wir brauchen in Zukunft an allen Positionen voll engagierte (motivierte) Mitarbeiter, die volle Aufmerksamkeit (für den Kunden) haben und super emotional agieren (Emotion-Banking). Dann braucht uns auch im Internet-Zeitalter in der Zukunft vor Ort nicht bange sein.

Hallo Herr Rauner,

herzlichen Dank für Ihren Kommentar. In der Tat steht die Hirnforschung erst am Anfang, was das Thema Lernen angeht. In den letzten Jahren sind hier schon riesige Fortschritte dank der modernen bildgebenden Verfahren erzielt worden. Und so wird immer besser verstanden, was denn Lernen eigentlich konkret im Gehirn bedeutet. Dabei spielen Emotionen sicher eine ganz entscheidende Rolle: Denn mit Freude, Spaß und Begeisterung wird einfach besser und vertiefter gelernt. Und Emotionen werden auch im Banking von morgen entscheidend sein: Denn weder über die Produkte noch Konditionen ist der Kampf für die Genossenschaftsbanken gegen Non-Banks, Direkt-Banken und FinTec-Start-Ups zu gewinnen.

Herzliche Grüße aus Montabaur,

Carsten Rhinow

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